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Fructose – der Wolf im Schafspelz?

Industriell hergestellte Lebensmittel werden werbewirksam mit Slogans in Szene gesetzt, die darauf verweisen, dass dies oder jenes Produkt aus natürlichen Zutaten hergestellt wird. Ganz im Trend der „Natur-Welle“ liegt das Süßungsmittel Fructose. Statt dem bösen, bösen Zucker wird nun die „natürliche Süße aus Früchten“ verwendet. Das klingt gesund! Es wird ja immer von Ernährungsfachleuten betont, dass wir viel Obst und Gemüse essen sollen, da muss der Zucker aus Obst – Fructose – ja richtig gut sein.

Weit gefehlt…

Nein, Fructose ist kein böser Wolf, der sich im natürlichen Schafspelz versteckt. Dieses Süßungsmittel hat durchaus eine gute Seite: Es ist DAS Süßungsmittel für Diabetiker, da diese Zuckerart anders verstoffwechselt wird als alle anderen Zuckerarten. Der Blutzuckerspiegel wird durch Fructose nämlich kaum erhöht. D. h. es wird kein Insulin benötigt, die Bauchspeicheldrüse wird nicht belastet. So muss der Diabetiker nicht auf Süßes verzichten. Darüber hinaus hat Fructose eine weitaus höhere Süßkraft als der „normale“ Zucker (Haushaltszucker, also Saccharose), der meist zum Süßen verwendet wird, sodass deutlich weniger Süßungsmittel zum Einsatz kommen muss, was sich positiv in der Energiebilanz des einzelnen Lebensmittels bzw. der hergestellten Speise niederschlägt. Das ist das Gute an Fructose und damit ist dieses Süßungsmittel – in Maßen eingesetzt – wesentlich gesünder und sinnvoller als alle künstlich hergestellten Süßstoffe wie Aspartam & Co.

Aber – und dieses „aber“ denken Sie sich bitte in Fettdruck, Großbuchstaben und mit Ausrufezeichen: ABER! – Fructose bringt auch einen großen Nachteil mit sich. Das, was für die Diabetiker der Segen ist, ist gleichzeitig auch ein Fluch. Der Blutzuckerspiegel wird durch Fructose nämlich deshalb kaum erhöht, da der Körper diese Zuckerart nicht gut verwerten kann. Nur ca. 10% können absorbiert werden und als Brennstoff von den Körperzellen genutzt werden. Wohin mit den übrigen 90%? Auch die müssen verwertet werden. Der Körper löst das Problem, indem die überflüssige Fructose in die Leber abgeführt wird. Dieses Organ hat die Aufgabe, den Stoff abzubauen – so wie sie es mit allen Giftstoffen tut. Einige Wissenschaftler setzen Fructose ernährungsphysiologisch tatsächlich mit Alkohol gleich – nur dass der Rausch ausbleibt.

Was passiert nun mit der Fructose in der Leber: Bei einem Zuviel an Fructose steigt deutlich der Harnsäurespiegel. Darüber hinaus kann sich eine Fettleber entwickeln, weil der Zuckerüberschuss in Fett umgewandelt wird. Ein Übermaß an Harnsäure kann zu Gicht und Nierensteinen führen. Schließlich hemmt Fructose auch die Ausschüttung des Hormons Leptin, welches neben dem Insulin das Sättigungsgefühl reguliert. In der Folge wird also mehr Nahrung konsumiert als erforderlich.

In einem Versuch mit Mäusen ist man dem Fructose-Phänomen nachgegangen (Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrügge, Jürgens et al.): Die Mäuse erhielten über einen bestimmten Zeitraum entweder eine Fructoselösung, ein Erfrischungsgetränk mit Rohrzucker, ein süßstoffhaltiges Diätgetränk oder Wasser. Die Gesamtkalorienzahl der Nahrungstagesrationen war in allen Gruppen gleich. Interessanterweise wurden bei den Mäusen, die die Fructoselösung tranken, sowohl eine Steigerung des Körperfettes als auch erhöhte Leberfettwerte festgestellt. Dies erhärtet die Vermutung, dass Fructose den Stoffwechsel maßgeblich negativ beeinflusst – zumindest bei Mäusen.

Wenn wir zu diesen Überlegungen die Tatsache hinzuziehen, dass in den letzten Jahren sowohl die Produktion und der Konsum von Erfrischungsgetränken und weiteren Lebensmitteln (Fruchtquark, Süßigkeiten u.ä.) mit hohem Fructoseanteil als auch die Zahl der übergewichtigen Menschen deutlich gestiegen ist, dann liegt der Verdacht nahe, dass Fructose beim weltweiten Adipositas-Problem eine nicht unwichtige Rolle spielt.

Weitere Versuche werden mehr Klarheit in die Zusammenhänge bringen.

Alles hier Beschriebene soll jedoch nicht zur Annahme führen, dass das Essen von Obst schädlich ist. Obst ist und bleibt gesund und wertvoll für den menschlichen Organismus (sofern keine Allergien und/oder Unverträglichkeiten vorliegen). Natürlich ist in Obst Fructose enthalten, doch hier handelt es sich um ein natürliches Lebensmittel, in dem das Süßungsmittel in gebundener Form und in Verbindung mit wertvollen Ballaststoffen enthalten ist und nicht wie beim industriell hergestellten Produkt in isolierter Form. Obst ist und bleibt die gesündeste „Süßigkeit“, die Sie verzehren können.